Wer schon mal nach Markenschuhen oder Sneakern gesucht hat, die in Deutschland entweder ausverkauft oder viel zu teuer sind, ist früher oder später auf 6PM gestoßen. Die Preise wirken fast unwirklich: Nike, Adidas, UGG, Levi’s und viele andere Marken mit Rabatten, von denen man hierzulande nur träumt. Aber stimmt das Bild? Und lohnt sich der Aufwand wirklich? Ich habe mir angeschaut, was hinter 6PM steckt und worauf man als Käufer in Deutschland achten muss.
Was ist 6PM überhaupt?
6PM ist ein US-amerikanischer Online-Händler für Schuhe, Kleidung, Taschen und Accessoires. Gegründet wurde der Shop im November 2005 von eBags.com, 2007 übernahm Zappos das Geschäft. Zappos gehört mittlerweile zu Amazon. Der Shop ist also kein dubioser Newcomer, sondern ein etablierter Händler mit großem Konzern im Rücken.
Das Konzept ist schnell erklärt: Während Zappos eher das normale Sortiment zu normalen Preisen führt, ist 6PM die Schnäppchenseite. Hier landen Restposten, Vorjahresmodelle und Überbestände. Die Rabatte liegen häufig im Bereich von 30 bis 70 Prozent, je nach Marke und Saison.
Die größte Hürde: Der Versand
Jetzt kommt der Teil, der viele ausbremst. 6PM liefert nach aktuellem Stand nur an Adressen in den USA und den US-Territorien. Gibst du beim Bestellen eine deutsche Adresse ein, bekommst du eine Absage. Direkt aus Deutschland zu bestellen ist also nicht möglich.
Der übliche Weg heißt Paketweiterleitung. Dienste wie MyUS, Reship, Planet Express oder Global Shopaholics geben dir eine US-Lieferadresse. Du bestellst bei 6PM an diese Adresse, das Paket landet im Lager des Dienstleisters und wird von dort nach Deutschland geschickt. Der Versand innerhalb der USA ist bei 6PM oft kostenlos oder günstig, den Preis für die Auslandsstrecke zahlst du aber zusätzlich.
Außerdem brauchst du bei 6PM ein Kundenkonto, als Gast bestellen geht nicht. Und es kommt vor, dass eine deutsche Kreditkarte vom US-Shop abgelehnt wird. Dann bleibt nur der Umweg über einen Einkaufsservice, der für dich bezahlt, was natürlich eine weitere Gebühr kostet.
Die versteckten Kosten
Hier liegt der Knackpunkt. 6pm Tracksuit Der Preis auf der Produktseite ist nur ein Teil der Rechnung. Rechnen wir mal ehrlich zusammen:
- Kaufpreis bei 6PM in Dollar, abhängig vom Wechselkurs
- Gebühren der Kreditkarte für Zahlungen in Fremdwährung
- Weiterleitungsgebühren des Dienstleisters, teils pro Paket, teils monatlich
- Internationaler Versand, der bei Schuhen wegen Gewicht und Volumen schnell ins Geld geht
- Einfuhrumsatzsteuer von 19 Prozent in Deutschland
- Zoll, je nach Warenart
Bei der Einfuhrumsatzsteuer gibt es seit Juli 2021 keine Freigrenze mehr. Sie fällt also ab dem ersten Euro an. Beim Zoll gilt dagegen eine Freigrenze von 150 Euro Warenwert, darunter wird kein Zoll fällig. Wer mehrere Paare Schuhe in einer Sendung bestellt, rutscht aber schnell darüber. Bei Textilien und Schuhen kann der Zollsatz je nach Material und Warentarif spürbar ausfallen.
Das Ergebnis: Ein Schuh, der in den USA 60 Dollar kostet, landet bei dir vielleicht bei 100 Euro oder mehr. Wenn derselbe Schuh in Deutschland regulär 130 Euro kostet, sparst du immer noch etwas, aber lange nicht so viel, wie der Rabattprozentsatz verspricht. Bei billigen Artikeln kann die Rechnung sogar komplett kippen.
Größen, Passform und Rückgabe
Ein weiteres Thema ist die Größe. US-Größen unterscheiden sich von europäischen, und bei Männer- und Frauenschuhen sieht die Umrechnung nochmal anders aus. Wer sich nicht sicher ist, bestellt schnell daneben. Bei einem normalen deutschen Shop schickst du das Paar einfach zurück. Bei 6PM wird es kompliziert: Die Rücksendung läuft wieder über den Weiterleitungsdienst, kostet Porto über den Atlantik und dauert. Oft lohnt sich eine Rückgabe finanziell gar nicht mehr.
Mein Tipp: Bestelle nur Modelle, die du genau kennst. Wenn du ein Paar Schuhe schon im Schrank hast und exakt weißt, dass dir Größe 43 in dieser Marke passt, ist das Risiko überschaubar. Für Experimente ist der Weg zu aufwendig.
Wann lohnt sich 6PM?
Es gibt durchaus Situationen, in denen sich der Kauf rechnet:
- Teure Markenartikel mit großem Preisunterschied. Bei Stiefeln, Winterjacken oder hochwertigen Laufschuhen, die in Europa deutlich teurer sind, kann die Ersparnis auch nach allen Gebühren ordentlich sein.
- Modelle, die es in Deutschland nicht gibt. Manche Farben, Editionen oder Marken sind schlicht nur in den USA erhältlich.
- Sammelbestellungen. Wenn du mehrere Artikel auf einmal bestellst, verteilen sich Weiterleitungs- und Versandkosten besser. Achte dabei aber auf die 150-Euro-Grenze beim Zoll.
- Reisen in die USA oder Bekannte vor Ort. Wer ohnehin jemanden hat, der Pakete annimmt oder mitbringt, spart sich den Weiterleitungsdienst.
Wann du es lieber lassen solltest
Bei günstigen Alltagsartikeln, T-Shirts oder Basics ist der Aufwand fast nie gerechtfertigt. Auch wenn du auf schnelle Lieferung angewiesen bist oder das Risiko einer Fehlgröße nicht tragen willst, bist du bei einem europäischen Händler besser aufgehoben. Und wer mit Zollformalitäten und Fremdwährung nichts zu tun haben möchte, spart sich Nerven, wenn er im Inland kauft.
Ist 6PM seriös?
Ja. Der Shop gehört zum Zappos-Amazon-Umfeld und liefert Originalware. Das Problem ist nicht die Seriosität des Händlers, sondern die Logistik für Käufer außerhalb der USA. Wenn etwas schiefgeht, hast du es mit zwei Parteien zu tun: dem Shop und dem Weiterleitungsdienst. Das macht Reklamationen zäher als bei einer normalen Bestellung.
Mein Fazit
Ist 6PM den Kauf wert? Es kommt darauf an. Für gezielte Käufe bei teuren Markenprodukten, bei denen du Größe und Modell sicher kennst, kann sich der Umweg durchaus lohnen. Wer einfach nur „ein Schnäppchen“ sucht, merkt nach Versand, Steuer und Gebühren oft, dass der Vorteil zusammenschmilzt.
Mein Rat: Rechne vor der Bestellung alles durch. Nimm den Dollarpreis, rechne ihn in Euro um, addiere Versand, 19 Prozent Einfuhrumsatzsteuer und mögliche Zollgebühren und vergleiche das Ergebnis mit dem besten Preis in Deutschland. Liegt die Ersparnis am Ende bei mindestens 25 bis 30 Prozent, ist 6PM einen Versuch wert. Alles darunter ist den Stress meist nicht wert.